ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung)

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) stellt eine der am intensivsten erforschten und gleichzeitig am häufigsten missverstandenen neurologischen Entwicklungsstörungen dar. Im Kontext der modernen psychologischen Versorgung hat sich das Verständnis von ADHS grundlegend gewandelt: Weg von einer reinen „Kinderkrankheit“, hin zu einer lebenslangen neurobiologischen Disposition der Selbstregulation, die im Erwachsenenalter oft mit erheblichen Beeinträchtigungen, aber auch spezifischen Stärken einhergeht. Gemäß den aktuellen klinischen Standards und der internationalen Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erfordert die ADHS eine differenzierte Betrachtung, die über vereinfachende Narrative hinausgeht und die Komplexität der neuronalen Reizverarbeitung berücksichtigt.

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Inhaltsverzeichnis

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Definition: Was ist ADHS? / Welche Formen gibt es?

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung wird als eine Störung der neuronalen Entwicklung definiert, die durch ein anhaltendes Muster von Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität-Impulsivität charakterisiert ist.Diese Verhaltensmuster haben direkte negative Auswirkungen auf schulische, berufliche oder soziale Aktivitäten.

    Paradigmenwechsel von ICD-10 zu ICD-11

    Mit der Einführung der ICD-11 hat sich die konzeptionelle Einordnung der ADHS signifikant verändert. Während die ICD-10 noch den Begriff der „Hyperkinetischen Störungen“ (F90) verwendete und ADHS oft auf das Kindesalter begrenzte, erkennt die ICD-11 die Störung als über die gesamte Lebensspanne persistierend an. Die frühere Kategorie der „Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität“ (F98.8) wurde in das moderne ADHS-Konzept integriert.

    Die klinischen Ausprägungen

    Man unterscheidet drei primäre Erscheinungsformen, die als „Präsentationen“ bezeichnet werden, da sich die Ausprägung im Laufe des Lebens verändern kann:

    Tabelle – Emotionales Essen
    KategorieCharakteristische Merkmale
    Vorwiegend unaufmerksames ErscheinungsbildDominanz von Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit, Ablenkbarkeit, Desorganisation und Vergesslichkeit. Motorische Unruhe ist minimal oder fehlt völlig.
    Vorwiegend hyperaktiv-impulsives ErscheinungsbildDominanz von motorischer Unruhe, übermäßigem Rededrang, Schwierigkeiten beim Abwarten und impulsiven Entscheidungen. Die Aufmerksamkeit kann relativ stabil sein.
    Kombiniertes ErscheinungsbildSowohl Unaufmerksamkeit als auch Hyperaktivität-Impulsivität liegen in klinisch bedeutsamem Maße gleichzeitig vor.

    Diagnostik: Wie wird ADHS diagnostiziert?

    Die Diagnostik der ADHS ist ein multidisziplinärer Prozess, der darauf abzielt, die Störung von normalen Entwicklungsvarianten und anderen psychischen Erkrankungen abzugrenzen. Es existiert kein einzelner apparativer Test (wie ein Bluttest oder ein Hirnscan), der eine ADHS zweifelsfrei nachweisen kann. Die Diagnose bleibt letztlich eine klinische Entscheidung, die auf der Integration verschiedener Informationsquellen basiert.

    Die Säulen der klinischen Diagnostik

    Gemäß der S3-Leitlinie und internationalen Standards stützt sich die Diagnosestellung auf folgende Kernbereiche:

    1. Ausführliche klinische Exploration: Ein strukturiertes Interview mit dem Betroffenen über die aktuelle Symptomatik, die Funktionsfähigkeit im Alltag und die psychosoziale Belastung.
    2. Biografische Anamnese (Retrospektive): Da ADHS eine Entwicklungsstörung ist, müssen Anzeichen bereits in der Kindheit bestanden haben. Hierzu werden oft Grundschulzeugnisse herangezogen, die Hinweise auf Konzentrationsmängel oder soziale Schwierigkeiten geben.
    3. Fremdbeurteilung: Einbezug von Bezugspersonen (Eltern, Partner, Lehrer), um die Symptomatik in verschiedenen Lebensbereichen zu validieren.
    4. Standardisierte Fragebögen: Einsatz von bestimmten psychologischen Skalen zur retrospektiven Erfassung der Kindheitssymptome oder zur Erfassung der aktuellen Beschwerden bei Erwachsenen.
    5. Einsatz von Tests: Einsatz von diagnostischen Tests (Paper-Pencil) oder digitale Tests, um die Leistungsfähigkeit und Konzentrationsfähigkeit zu messen.
    6. Differentialdiagnostische Abklärung: Ausschluss anderer Störungen wie Schilddrüsenerkrankungen, Schlafapnoe, Depressionen, Angststörungen oder Substanzmissbrauch, die ADHS-ähnliche Symptome hervorrufen können.

    Besonderheiten in der Erwachsenendiagnostik

    Bei Erwachsenen manifestiert sich die ADHS oft subtiler. Während die äußere Hyperaktivität abnimmt, rücken Symptome wie innere Unruhe, emotionale Dysregulation (schnelle Stimmungsschwankungen) und exekutive Dysfunktionen (Prokrastination, Zeitblindheit) in den Fokus. Ein zentrales Kriterium nach ist, dass die Symptome in mindestens zwei Lebensbereichen (z. B. Arbeit und Privatleben) zu deutlichen Beeinträchtigungen führen müssen.

    Prävalenz: Wer erkrankt an ADHS und wie häufig kommt ADHS vor?

    Die Häufigkeit von ADHS wird weltweit auf etwa 5 % bei Kindern und Jugendlichen geschätzt. Die Daten für Deutschland, die maßgeblich durch das Robert Koch-Institut (RKI) im Rahmen der KiGGS-Studie erhoben werden, zeigen ein detailliertes Bild der epidemiologischen Lage.

    Prävalenzdaten für Deutschland

    Tabelle – Emotionales Essen
    BevölkerungsgruppePrävalenzrate (Diagnose)Verdachtsfälle / Dunkelziffer
    Kinder und Jugendlicheca. 4,4 % Zusätzlich ca. 4,9 % Verdachtsfälle.
    Jungenca. 6,5 % Deutlich höhere Diagnosefrequenz im Vergleich zu Mädchen.
    Mädchenca. 2,3 % Oft unterdiagnostiziert aufgrund internalisierender Symptome.
    Erwachseneca. 3,0 %Die Prävalenz im Erwachsenenalter ist nahezu geschlechtsneutral.

    Bemerkenswerter Trend

    Ein bemerkenswerter Trend ist der Anstieg der Erstdiagnosen im Erwachsenenalter. Zwischen 2021 und 2024 verdoppelte sich die Inzidenzrate der Neudiagnosen bei Erwachsenen in Deutschland nahezu von 12,7 auf 25,7 pro 10.000 Versicherte. Experten führen dies nicht auf eine reale Zunahme der Störung zurück, sondern auf eine gesteigerte Awareness und eine bessere Diagnostik bei Frauen und älteren Erwachsenen.

    Symptome und Verlauf: Welche Symptome bringt die Störung mit sich?

    Die Symptomatik der ADHS ist keine statische Liste von Verhaltensweisen, sondern ein dynamisches Spektrum, das sich im Laufe des Lebens wandelt. Die Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität bilden den Kern, werden jedoch durch eine Vielzahl assoziierter Merkmale ergänzt.

    Kernsymptome im Detail

    1. Unaufmerksamkeit: Schwierigkeiten, Details zu beachten (Flüchtigkeitsfehler), Probleme bei der Aufrechterhaltung der Konzentration auf Aufgaben oder Spiele, wirkt oft so, als ob man nicht zuhört, mangelnde Ausführung von Anweisungen, Schwierigkeiten bei der Organisation, Abneigung gegen geistig anstrengende Aufgaben, häufiges Verlieren von Gegenständen und leichte Ablenkbarkeit.
    2. Hyperaktivität: Zappeln mit Händen oder Füßen, Aufstehen in Situationen, in denen Sitzenbleiben erwartet wird, exzessives Laufen oder Klettern, Unfähigkeit, ruhig zu spielen, wirkt „wie von einem Motor getrieben“ und übermäßiger Rededrang.
    3. Impulsivität: Herausplatzen mit Antworten, bevor die Frage beendet ist, Schwierigkeiten beim Abwarten, Unterbrechen oder Stören anderer (Hineinplatzen in Gespräche oder Spiele).

    Der Verlauf über die Lebensspanne

    1. Vorschulalter: Übersteigerte motorische Unruhe, geringe Spielintensität und häufige Unfälle stehen im Vordergrund.
    2. Schulalter: Lernschwierigkeiten, soziale Ausgrenzung und Probleme bei der Aufgabenbewältigung werden deutlich. Hier wird die Diagnose am häufigsten gestellt.
    3. Erwachsenenalter: Die körperliche Unruhe wandelt sich oft in eine subjektiv erlebte innere Getriebenheit. Im Vordergrund stehen Desorganisation, Zeitblindheit (Schwierigkeit, Zeitdauern einzuschätzen), emotionale Überreagibilität und Prokrastination.

    Geschlechtsspezifische Symptompräsentation

    Mädchen und Frauen zeigen häufiger das vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsbild. Sie werden oft als „Tagträumerinnen“ wahrgenommen, sind innerlich desorganisiert, wirken aber nach außen hin oft angepasst und unauffällig. Dieses „Masking“ (Kompensation durch extremen Perfektionismus und Kontrolle) führt oft dazu, dass die Diagnose erst im Erwachsenenalter gestellt wird, wenn die äußeren Anforderungen (Beruf, Familie) die internen Kompensationsmöglichkeiten übersteigen.

    Ursachen und Auslöser: Welche Ursachen gibt es?

    Die moderne Wissenschaft betrachtet ADHS als ein Paradebeispiel für eine biopsychosoziale Störung. Die Ursachen liegen in einem komplexen Wechselspiel aus genetischen Faktoren, neurobiologischen Prozessen und Umwelteinflüssen.

    Neurobiologische Mechanismen

    Untersuchungen mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) zeigen Abweichungen in neuronalen Regelkreisen.

    • Präfrontaler Kortex: Diese Region ist für die exekutiven Funktionen (Planung, Impulshemmung, Arbeitsgedächtnis) zuständig. Bei ADHS-Betroffenen zeigt dieser Bereich oft eine verminderte Aktivierung oder eine verzögerte Reifung.
    • Dopamin- und Noradrenalin-Haushalt: Es besteht ein Ungleichgewicht in der Verfügbarkeit dieser Neurotransmitter im synaptischen Spalt. Dopamin ist entscheidend für die Motivationssteuerung und das Belohnungssystem, während Noradrenalin die Aufmerksamkeit und Wachheit reguliert.

      Die Rolle der Genetik

      ADHS weist eine der höchsten Erblichkeitsraten in der Psychiatrie auf (70% - 80 %). Es handelt sich nicht um ein einzelnes „ADHS-Gen“, sondern um eine polygene Vererbung, bei der viele kleine Genvarianten zusammenwirken und die Anfälligkeit für die Störung erhöhen. Familienstudien belegen, dass Verwandte ersten Grades von Betroffenen ein deutlich erhöhtes Risiko tragen, selbst Symptome zu entwickeln.

        Umweltfaktoren und psychosoziale Auslöser

        Umweltfaktoren wirken meist modulierend auf eine bestehende genetische Disposition.

        • Pränatale Risiken: Nikotin- und Alkoholkonsum während der Schwangerschaft erhöhen das Risiko für ADHS beim Kind signifikant. Auch Frühgeburtlichkeit und ein niedriges Geburtsgewicht gelten als Risikofaktoren.
        • Psychosoziale Belastungen: Instabile familiäre Verhältnisse, niedriger sozioökonomischer Status oder traumatische Erlebnisse in der Kindheit verursachen ADHS zwar nicht, können aber die Schwere der Symptomatik und den Verlauf negativ beeinflussen.

          Behandlungsmethoden: Psychosoziale und therapeutische Ansätze

          Die Therapie der ADHS ist kein Einheitskonzept, sondern ein multimodaler Baukasten, der auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten wird. Das übergeordnete Ziel ist die Verbesserung der Lebensqualität und der sozialen Teilhabe.

            Psychoedukation: Das Fundament

            Jede Behandlung beginnt mit einer umfassenden Aufklärung über die Störung. Das Verständnis der neurobiologischen Grundlagen hilft Betroffenen und Angehörigen, Symptome nicht als persönliches Versagen oder Erziehungsfehler zu interpretieren. Psychoedukation reduziert Stigmatisierung und fördert die aktive Mitarbeit in der Therapie.

              Verhaltenstherapeutische Interventionen

              Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) hat sich insbesondere bei Erwachsenen als wirksam bei ADHS erwiesen.

              • Selbstmanagement-Training: Erlernen von Organisationsstrategien, Nutzung von Planern und digitalen Hilfsmitteln.
              • Emotionsregulation: Techniken zur Bewältigung von Impulsivität und Frustration.
              • Soziales Kompetenztraining: Verbesserung der Interaktion mit Gleichaltrigen und Bewältigung von Konflikten.

                Ergänzende Ansätze

                • Allgemeines Coaching: Fokus auf pragmatische Lösungen im Berufs- und Alltagsleben (z.B. Arbeitsplatzgestaltung).
                • Neurofeedback: Ein computergestütztes Training, bei dem Patienten lernen, ihre Gehirnaktivität (z.B. die Konzentrationsfähigkeit) bewusst zu steuern.
                • Ernährung und Lebensstil: Strukturierte Tagesabläufe, regelmäßiger Sport und eine ausgewogene Ernährung können unterstützend wirken, ersetzen jedoch meist keine Kernbehandlung.

                  Medizinische Behandlung: Pharmakotherapie

                  Die medikamentöse Behandlung der ADHS gilt als eine der effektivsten Interventionen. Sie zielt darauf ab, die neuronale Signalübertragung durch die Erhöhung der Verfügbarkeit von Dopamin und Noradrenalin zu normalisieren.

                    Einteilung der ADHS-Medikamente

                    Tabelle – Emotionales Essen
                    WirkstoffklasseBeispiel SubstanzWirkmechanismus
                    StimulanzienMethylphenidat (MPH)  Hemmt die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin.
                    StimulanzienLisdexamfetamin (LDX) Verstärkt die Freisetzung und hemmt die Wiederaufnahme von Dopamin.
                    Nicht-StimulanzienAtomoxetin (ATX)Selektiver Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer.
                    Nicht-StimulanzienGuanfacinAlpha-2-Adrenozeptor-Agonist.

                    Natürlich gibt es noch viele weitere Medikamente, die zur Behandlung eingesetzt werden. Der richtige Ansprechpartner ist hier immer ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

                      Behandlungsleitlinien und Sicherheit

                      Nach der S3-Leitlinie wird bei Kindern ab sechs Jahren und Erwachsenen mit moderater bis schwerer ADHS eine medikamentöse Therapie empfohlen, wenn psychosoziale Maßnahmen allein nicht ausreichen.

                      • Eindosierung: Die Behandlung beginnt mit einer niedrigen Dosis, die schrittweise gesteigert wird („Titration“), bis der optimale Effekt bei minimalen Nebenwirkungen erreicht ist.
                      • Nebenwirkungen: Häufig treten auch Nebenwirkungen auf in Form von Appetitminderung, Ein- oder Durchschlafstörungen sowie leichte Blutdruck- und Pulserhöhungen auf. Diese sind meist vorübergehend oder verschwinden bei Dosisanpassung.
                      • Kontrollen: Regelmäßige ärztliche Kontrollen von Gewicht, Blutdruck, Puls und gegebenenfalls Laborwerten (Leber, Niere) sowie ein jährliches EKG sind Standard.

                      In jüngster Zeit werden auch neue Wirkstoffe in Studien auf ihre Wirksamkeit bei ADHS untersucht, was zukünftig das Spektrum der Behandlungsoptionen erweitern könnte.

                      Autor dieses Artikels: Dr. Ulrich Weber

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