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Anorexia nervosa (Magersucht)

Anorexie (Magersucht) verständlich erklärt.

Anorexie (Magersucht)

Die Anorexie (in der Fachsprache: Anorexia nervosa) gilt als schwere Fütter- und Essstörung und wird umgangssprachlich auch als Magersucht bezeichnet. Es handelt sich dabei um ein komplexes, potenziell lebensbedrohliches psychiatrisches Störungsbild. Es ist durch einen absichtlich herbeigeführten und aufrechterhaltenen Gewichtsverlust gekennzeichnet, der zu einem hochgradigen, die biologischen Systemgrenzen gefährdenden Untergewicht führt. Die Erkrankung ist eng mit einer tiefgreifenden Körperschemastörung, einer pathologischen Angst vor Gewichtszunahme und einer ausgeprägten biopsychosozialen Dynamik verwoben. Da die Anorexia nervosa die höchste Mortalitätsrate aller psychiatrischen Erkrankungen im jungen Erwachsenenalter aufweist, erfordert sie eine hochgradig spezialisierte, interdisziplinäre Diagnostik und ein leitliniengerechtes therapeutisches Vorgehen.

Definition: Was ist Anorexie und welche Formen gibt es?

Die Anorexia nervosa wird in den aktuellen Klassifikationssystemen (ICD-11 und DSM-5) über ein Trias aus restriktivem Essverhalten, Körperschemastörung und signifikantem Untergewicht definiert. Im Gegensatz zur veralteten ICD-10-Klassifikation ist das endokrinologische Kriterium der Amenorrhö (das Ausbleiben der Menstruation) in den neueren Diagnosekriterien entfallen, da es weder bei männlichen Patienten noch bei hormoneller Kontrazeption oder präpubertären Verläufen zuverlässig anwendbar ist.

Klassifikatorisch unterscheidet man primär zwei klinische Verhaltensmuster:

  • Restriktiver Typ: Die Gewichtsreduktion wird ausschließlich durch extrem verminderte Nahrungszufuhr, strenges Fasten, restriktive Nahrungsmittelauswahl (wie das Führen einer „schwarzen Liste“ verbotener hochkalorischer Speisen) und exzessive psychomotorische Aktivität herbeigeführt.
  • Binge-Eating/Purging-Typ: Neben der Nahrungsrestriktion treten regelmäßig Phasen von Essanfällen mit subjektivem Kontrollverlust oder aktive kompensatorische Maßnahmen zur Gewichtskontrolle (sogenanntes Purging-Verhalten) auf. Zu diesem Purging-Verhalten zählen selbstinduziertes Erbrechen, mechanisch durch den Würgereflex herbeigeführt (was oft zum Russell-Zeichen, d.h. Schwielenbildung an den Handrücken führt) oder gestützt durch chemische Substanzen oder konzentrierte Salzlösungen, sowie der Missbrauch von Laxanzien, Diuretika, Schilddrüsenhormonen (L-Thyroxin) oder Einläufen.

Die ICD-11 differenziert das Störungsbild anhand des Schweregrads des Untergewichts, gemessen am Body-Mass-Index (BMI) bei Erwachsenen beziehungsweise an geschlechtsspezifischen Altersperzentilen bei Kindern und Jugendlichen. Unterschieden wird die Anorexie mit erniedrigtem Körpergewicht, mit normalem Körpergewicht oder die atypische Anorexie, bei der alle psychischen Kriterien zwar erfüllt sind, das Körpergewicht jedoch trotz massiven Gewichtsverlusts im Norbereich liegt.

Die klinische Abgrenzung der atypischen Anorexia nervosa ist von hoher Relevanz, da dieser Typus in der pädiatrischen Praxis häufig übersehen wird. Betroffene weisen oft ein prämorbides Übergewicht auf und vollziehen einen extremen Gewichtsverlust über kurze Zeit. Obwohl sie formal normalgewichtig erscheinen, zeigen sie identische somatische Komplikationen und psychische Belastungen wie Patientinnen mit klassischem Untergewicht, stoßen jedoch aufgrund des fehlenden sichtbaren Kachexie-Symptoms oft auf mangelnde therapeutische Akzeptanz.

Diagnostik: Wie wird Anorexia nervosa diagnostiziert?

Die Diagnostik der Anorexia nervosa erfordert ein stufenweises Vorgehen, das ein psycho-diagnostisches Screening, strukturierte klinische Interviews und eine umfassende somatische Abklärung zur Risikobewertung kombiniert. In der Primärversorgung dient die Früherkennung der Initiierung einer schnellen Intervention, da ein frühzeitiger Behandlungsbeginn die Prognose signifikant verbessert.

Erst-Screening und standardisierte Fragen

Bei Verdacht auf ein gestörtes Essverhalten empfiehlt die S3-Leitlinie den Einsatz strukturierter Screening-Fragen, die sich am international validierten SCOFF-Fragebogen orientieren.

Screening-Dimension

Empfohlene Screening-Frage (S3-Leitlinie / SCOFF)

Klinische Absicht

Esskontrolle

„Machen Sie sich Sorgen, weil Sie manchmal mit dem Essen nicht aufhören können?“

Erfassung von latenten Heißhungerattacken oder Kontrollverlust.

Zufriedenheit

„Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Essverhalten?“

Aufdecken von verdecktem Leidensdruck und restriktiver Kognition.

Erbrechen (Purging)

„Kommt es vor, dass Sie sich übergeben, wenn Sie sich unangenehm voll fühlen?“

Identifikation aktiver Kompensationsmechanismen.

Körperbild

„Machen Sie sich Sorgen wegen Ihrer Figur?“

Prüfung des Einflusses des Körpergewichts auf das Selbstwertgefühl.

Heimlichkeit

„Essen Sie heimlich?“

Erfassung von Scham- und Verbergungsverhalten.

Gewichtsverlust

„Haben Sie in letzter Zeit mehr als 6 kg in 3 Monaten abgenommen?“

Objektivierung des Dynamikparameters des Gewichtsverlusts.

Zur Absicherung der Diagnose im spezialisierten Setting werden strukturierte Interviews wie das Diagnostische Interview bei psychischen Störungen (DIPS) oder die Eating Disorder Examination (EDE) herangezogen, um das exakte Ausmaß der Körperschemastörung und psychopathologische Komorbiditäten zu erfassen.

Somatische Diagnostik und internistisches Laborprofil

Die medizinische Diagnostik dient primär der Gefahrenabwehr und der Erfassung organspezifischer Schäden durch die chronische Mangelernährung. Neben der Erhebung von Puls, Blutdruck, Körpertemperatur und dem Ausschluss eines Perikardergusses gehört ein standardisiertes Laborprofil zur Pflichtdiagnostik. Wichtige Laborparameter für die somatische Abklärung sind Elektrolytehaushalt, Blutbild, Glukose, Leberenzyme, Schilddrüse, Nierenfunktion, Urin und EKG.

Zur Differenzialdiagnostik müssen organische Ursachen wie Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (Morbus Crohn) oder neurologische Tumoren ausgeschlossen werden, die sich ebenfalls in Gewichtsverlust und gastrointestinalen Symptomen äußern können.

Prävalenz: Wer und wie häufig kann an Anorexie erkranken?

Die Anorexia nervosa ist eine Erkrankung, die historisch vor allem bei adoleszenten Mädchen und jungen Frauen diagnostiziert wird. Epidemiologische Analysen verweisen jedoch auf eine zunehmende Ausbreitung in zuvor untypischen Populationen sowie auf eine erhebliche Dunkelziffer bei männlichen Betroffenen, bei denen die Diagnosekriterien oft nicht trennscharf greifen.

Die 12-Monats-Prävalenz für eine voll ausgeprägte Anorexia nervosa in Deutschland beträgt bei erwachsenen Frauen etwa  1,1 % und bei Männern zirka 0,3 %. In der Hochrisikogruppe der weiblichen Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren wird die Prävalenz auf 0,7 % geschätzt, ein Wert, der über die letzten Jahrzehnte hinweg weitgehend stabil geblieben ist. Allerdings zeigt sich eine signifikant höhere Verbreitung von subklinischen Essstörungssymptomen, die das Risiko für den Übergang in eine manifeste psychische Störung bergen. 

Die globale Dynamik der letzten Jahre zeigt eine besorgniserregende Entwicklung: Die globale Verbreitung von Essstörungen hat von 1990 bis 2016 um 65 % zugenommen. Während der COVID-19-Pandemie kam es zu einem drastischen, weltweit und national dokumentierten Anstieg der Behandlungszahlen, insbesondere bei sehr jungen Mädchen, die mit akut einsetzenden, extrem rapiden Verläufen und schwerer somatischer Gefährdung stationär aufgenommen werden mussten.

Magersucht bleibt die psychische Erkrankung im Jugend- und jungen Erwachsenenalter mit der höchsten Mortalitätsrate überhaupt. Die Letalität ist damit signifikant höher als bei der Schizophrenie oder schweren depressiven Störungen.

Symptome und Verlauf: Welche Symptome bringt die Störung mit sich und wie ist der Verlauf?

Das klinische Bild der Anorexia nervosa ist eine direkte physiologische Konsequenz des chronischen Hungerzustands (Starvation), gekoppelt mit einer tiefgreifenden psychischen Veränderung.

Somatische Symptomatologie

Die körperlichen Symptome betreffen nahezu jedes Organsystem und sind das Resultat ausgeprägter kataboler Anpassungsleistungen:

  • Kardiovaskuläre Ebene: Extreme Verringerung des Schlagvolumens, Herzmuskelatrophie, Bradykardie und periphere Vasokonstriktion. Dies führt klinisch zu einer ausgeprägten Akrozyanose (blaue, kalte Extremitäten) und chronischer Hypothermie (ständiges Kältegefühl).
  • Endokrine Achse: Vollständige Suppression der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse. Dies induziert eine primäre oder sekundäre Amenorrhö bei Frauen und einen drastischen Testosteronsturz bei Männern mit Verlust von Libido und Potenz. Zudem kommt es zu einem Low-T3-Syndrom der Schilddrüse und einer Erhöhung der Glukokortikoide.
  • Skelettsystem: Durch den Östrogenmangel und die chronische Unterversorgung mit Kalzium, Eisen und Vitamin D kommt es zu einem rapiden Verlust der Knochendichte (Osteoporose). Dies bedingt ein massiv erhöhtes Risiko für pathologische Frakturen und Gelenkschmerzen. Bei Kindern führt die Erkrankung zu bleibenden Wachstumsstörungen.
  • Dermatologie: Extrem trockene Haut, brüchige Nägel, diffuser Haarausfall sowie das Wachstum einer feinen Lanugobehaarung am Körper, um den Wärmeverlust zu kompensieren.

Psychopathologie und Kognition

Psychisch ist die Anorexia nervosa durch eine extreme kognitive Einengung auf die Themen Nahrung und Körpergewicht gekennzeichnet. Das klinische Bild der Starvation überlappt stark mit neuropsychologischen Defiziten:

  • Verlust der exekutiven Funktionen: Deutlich reduzierte kognitive Flexibilität, Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung und eine ausgeprägte Detailfokussierung unter vollständigem Verlust des Gesamtbildes.
  • Affektive Störungen: Chronische Depression, Reizbarkeit, sozialer Rückzug und emotionale Verflachung. Es besteht eine ausgeprägte Ich-Syntonie: Das krankhafte Verhalten wird von den Patientinnen oft als positiv, kontrollierend und identitätsstiftend erlebt, was zu einer massiven Ambivalenz gegenüber therapeutischen Veränderungen führt.

Verlaufstypen und Komorbidität

Der Verlauf ist oft hochemissiv und langwierig. Daher ist eine spezialisierte Behandlung sehr wichtig, um einen chronisch-ungünstigen Verlauf zu verhindern.

Eine psychiatrische Komorbidität bei Anorexia nervosa ist extrem hoch und beeinflusst den Verlauf negativ:

  • Depressive Störungen: Werden bei bis zu 50 % der klinischen Fälle diagnostiziert; die Lebenszeitprävalenz einer Depression liegt bei Anorexie-Patientinnen bei zirka 40 % (im Vergleich zu 15,9 % in der Allgemeinbevölkerung).
  • Angst- und Zwangsstörungen: Treffen gehäuft auf, insbesondere bei der restriktiven Form der Erkrankung.
  • Persönlichkeitsstörungen: Komorbide Persönlichkeitsstörungen liegen bei etwa 50 % der erwachsenen Patientinnen vor, wobei zwanghafte, vermeidende, abhängige und Borderline-Strukturen dominieren.
  • Mütterliche Belastung: Die familiäre Transmission zeigt sich auch darin, dass bspw. 85 % der Mütter von anorektischen Patientinnen eine eigene psychiatrische Achse-I-Diagnose (Angst, Depression, Sucht) aufweisen (im Vergleich zu 41 % in Kontrollgruppen).

Ursachen und Auslöser: Welche Ursachen und Auslöser gibt es bei dieser Störung?

Die Ätiologie der Anorexia nervosa folgt, wie bei vielen anderen Störungsbildern auch, einem multifaktoriellen Modell, bei dem genetisch-metabolische Prädispositionen mit individuellen psychologischen Schwachstellen und soziokulturellen Triggern interagieren.

Das metabo-psychiatrische Ursachenmodell

Lange Zeit wurde die Magersucht primär als psychosozial bedingte Erkrankung verstanden. Moderne genomweite Assoziationsstudien haben dieses Paradigma jedoch grundlegend verschoben. Eine wegweisende internationale Studie von Watson et al. (2019), die Daten der Anorexia Nervosa Genetics Initiative (ANGI) und des Psychiatric Genomics Consortium (PGC-ED) mit 16.992 Fällen und 55.525 Kontrollen analysierte, erbrachte den Nachweis, dass die Anorexia nervosa eine metabo-psychiatrische Störung ist und genetische Korrelationen aufweist. Die genetische Basis der Anorexie überlappt hochgradig mit psychiatrischen Störungsbildern (Zwangsstörungen, Schizophrenie, Depression), aber gleichzeitig auch mit metabolischen (glykämischen/insulinären), lipidbezogenen und anthropometrischen Merkmalen. Diese metabolische Kompensation ist unabhängig von den genetischen Einflüssen auf den reinen BMI.

Ein zentraler neurobiologischer Mechanismus betrifft die Regulation des Sättigungshormons Leptin. Studien zeigen einen kausalen Effekt niedriger endogener Leptinspiegel auf ein erhöhtes Anorexie-Risiko. Leptin signalisiert dem Gehirn den Füllstand der Fettspeicher. Sinkt dieser Spiegel im Zuge einer Diät ab, wird ein phylogenetisch verankertes, biologisch sinnvolles „Hungerprogramm“ aktiviert. Dieses evolutionäre Programm schaltet auf verminderten Appetit und extreme körperliche Aktivität um (was biologisch der effizienten Nahrungssuche dient), verselbständigt sich jedoch bei der Anorexia nervosa paradoxerweise zu einem zwanghaften Verweigerungs- und Bewegungsdrang. Erste klinische Heilversuche mit kurzfristiger Gabe von rekombinantem Leptin (Metreleptin) zeigten bei Patientinnen einen schnellen Rückgang von Hyperaktivität, gedanklicher Fixierung und depressiver Symptomatik.

Psychologische und psychosoziale Vulnerabilitäten

Auf psychologischer Ebene wirken spezifische Persönlichkeitsakzentuierungen prädisponierend. Eine Anorexie entsteht niemals im luftleeren Raum. Vielmehr entpuppt sich das restriktive Essverhalten bei genauerem Hinsehen als ein hochgradig dysfunktionaler, aber subjektiv logischer Bewältigungsversuch. Es ist der Versuch einer fragilen Psyche, Halt, Vorhersehbarkeit und Selbstwirksamkeit in einer Umwelt zu erzeugen, die als chaotisch, fordernd oder überwältigend erlebt wird. Welcher Boden begünstigt das Abrutschen in diese Dynamik?

1. Der Fluch der Fehlerlosigkeit: Perfektionismus und der rigide Kontrollanspruch

Auf psychologischer Ebene sticht vor allem eine ausgeprägte Leistungsorientierung hervor: Viele Betroffene zeigen bereits vor Ausbruch der Störung ein überdurchschnittlich starkes Streben nach Perfektion und hohem Anspruch. Fehler gelten nicht als Lernchance, sondern als existenzielle Bedrohung des eigenen Selbstwerts.

Wenn in der Adoleszenz die sozialen, emotionalen und schulischen Anforderungen sprunghaft ansteigen und Gefühle innerer Überforderung drohen, verschiebt sich der Fokus. Was im Außen nicht mehr fehlerfrei beherrschbar scheint – soziale Gefüge, Erwartungsdruck, Zukunftsängste –, wird auf eine vermeintlich klar quantifizierbare Zielgröße projiziert: den eigenen Körper. Die Kontrolle über Kalorienzahlen, Grammangaben und das Körpergewicht wird zum ultimativen Leistungstest. Der Verzicht auf Nahrung schenkt dabei kurzfristig ein trügerisches Gefühl von Stärke und moralischer Überlegenheit, zementiert jedoch in Wahrheit eine rigide Zwangsstruktur.

2. Wenn Veränderung ängstigt: Kognitive Inflexibilität

Ein weiterer neuropsychologisch und psychotherapeutisch relevanter Risikofaktor ist eine verminderte kognitive Flexibilität – auch bekannt als Defizit im Task Switching (dem schnellen mentalen Umstellen auf wechselnde Gegebenheiten).

Die Jugendphase ist ein biologischer und sozialer Ausnahmezustand: Körperliche Veränderungen, das Finden einer eigenen Identität, emotionale Autonomie und die schrittweise Ablösung vom Elternhaus erfordern ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit und Ambiguitätstoleranz (das Aushalten von Widersprüchen und Ungewissheit). Fällt diese flexible Anpassung schwer, werden die Entwicklungsaufgaben der Pubertät als bedrohliche Überflutung erlebt. Die Anorexie fungiert hier fast wie eine mentale Notbremse: Durch starre Rituale, monotone Abläufe und das rigorose Festhalten an Regeln wird die unberechenbare Außenwelt auf ein winziges, statisches und scheinbar beherrschbares Koordinatensystem reduziert.

3. Der Brandbeschleuniger im System: Soziokultureller Druck und familiäre Kritik

Keine seelische Verwundbarkeit wirkt völlig isoliert von ihrem psychosozialen Umfeld. Als starker Katalysator erweist sich häufig ein familiäres Klima, das von subtiler oder offener Kritik, hohen Leistungserwartungen oder einer übermäßigen Fokussierung auf Äußerlichkeiten geprägt ist. Wenn emotionale Wärme und Anerkennung an Bedingungen geknüpft sind, verinnerlichen Heranwachsende früh das Gefühl: „Ich genüge nur, wenn ich funktioniere.“

Trifft diese fragile Selbstwertbasis auf den allgegenwärtigen soziokulturellen Schlankheitswahn, entsteht eine toxische Synergie. Über soziale Medien wie Instagram und Tiktok sowie über Peer-Groups transportierte Schönheitsideale suggerieren, dass Disziplin, Erfolg und soziale Akzeptanz direkt proportional zum Körperfettanteil stehen.

Aus dem scheinbar harmlosen Vorsatz, „sich etwas gesünder zu ernähren“, entwickelt sich rasch eine Eigendynamik. Erste Komplimente für den Gewichtsverlust belohnen den Perfektionismus, und ehe die Betroffenen es bemerken, hat sich das Hungern von einer bewussten Handlung in eine sich selbst verstärkende, restriktive Spirale verwandelt.

Behandlungsmethoden: Wie lässt sich die Störung therapeutisch behandeln?

Die Therapie der Anorexia nervosa sollte auf einem koordinierten, multiprofessionellen Behandlungsplan basieren. Das primäre Ziel ist die physische Stabilisierung und kontrollierte Gewichtswiederherstellung, gefolgt von einer langfristigen psychotherapeutischen Aufarbeitung der aufrechterhaltenden Krankheitsfaktoren.

Indikationen für ein stationäres Setting

Während mäßig untergewichtige Patientinnen BMI > 15 ambulant behandelt werden sollten, fordert die S3-Leitlinie bei Erreichen bestimmter Kriterien eine sofortige stationäre psychosomatische oder psychiatrische Aufnahme:

  • Ein gravierendes Untergewicht von BMI < 15 bei Erwachsenen beziehungsweise das Unterschreiten der 3. Altersperzentile bei Kindern und Jugendlichen.
  • Ein rapider oder anhaltender Gewichtsverlust von mehr als 20 % über einen Zeitraum von sechs Monaten.
  • Das Versagen einer strukturierten ambulanten oder tagesklinischen Therapie über einen Zeitraum von drei Monaten.
  • Ausgeprägte körperliche Komplikationen (schwere Elektrolytentgleisungen wie Hypokaliämie, schwere Bradykardie oder ausgeprägte Leberwerterhöhungen).
  • Ausgeprägte psychische Komorbiditäten (wie akute Suizidalität oder schwerste bulimische Symptome, die ambulant nicht kontrollierbar sind).
  • Pathogene familiäre oder soziale Verhältnisse, die den Gesundungsprozess nachweislich blockieren oder die Krankheit unterhalten.

Gewichtsrestitution und Refeeding-Management

Das therapeutische Zielgewicht liegt bei Erwachsenen bei einem BM ziwschen 18 und 20. Bei Jugendlichen wird das Erreichen der 25. Altersperzentile, mindestens jedoch der 10. Perzentile unter Einbeziehung prämorbider Entwicklungsdaten gefordert. Während der stationären Behandlung soll eine wöchentliche Gewichtszunahme von 500 bis 1000 Gramm angestrebt werden. Die Patient:innen werden hierzu ein- bis dreimal wöchentlich morgens nüchtern in leichter Bekleidung gewogen.

Bei extrem untergewichtigen Patient:innen im stationären Setting muss die Zufuhr zu Beginn streng kontrolliert werden.

Evidenzbasierte Psychotherapieansätze

Die S3-Leitlinie empfiehlt für erwachsene Patientinnen im ambulanten Setting vorzugsweise hochspezifische, manualisierte Psychotherapieverfahren:

Psychotherapeutisches Verfahren

Therapeutischer Fokus

Fokale Psychodynamische Psychotherapie

Bearbeitung unbewusster Konflikte, Beziehungsgestaltung, Affektregulation und die emotionale Funktion der Magersucht.

Kognitive Verhaltenstherapie 

Modifikation dysfunktionaler Kognitionen bezüglich Figur und Gewicht, Etablierung eines regelmäßigen Essverhaltens, Abbau von Kontrollverhalten.

Maudsley Model (MANTRA)

Adressierung neuropsychologischer Defizite (Rigidität), Arbeit an emotionaler Vermeidung und Einbindung des sozialen Netzwerks.

Specialist Supportive Clinical Management (SSCM)

Kombination aus supportiver Psychotherapie und klinisch-praktischer Ernährungsberatung.

Alle Therapieverfahren zeigen aber gute Erfolge. Für Kinder und Jugendliche ist oft die familienbasierte Therapie (FBT / Maudsley-Modell) das am besten evaluierte Verfahren. Hierbei werden die Eltern als primäre Ressource genutzt und angeleitet, das Essverhalten des Kindes in der Akutphase direkt zu strukturieren. Bei chronischen familiären Konflikten empfiehlt die Leitlinie jedoch die Durchführung getrennter Sitzungen für Eltern und Kind, um dysfunktionale Interaktionen zu minimieren.

Medizinische Behandlung: Mit welchen Medikamenten lässt sich die Störung behandeln?

Die medikamentöse Therapie der Anorexia nervosa besitzt in den nationalen und internationalen Leitlinien einen rein supportiven Charakter. Es existiert bis heute kein zugelassenes Pharmakon, für das eine direkte, klinisch relevante Wirksamkeit auf die Gewichtszunahme oder die psychischen Kernsymptome der Magersucht nachgewiesen werden konnte.

Einsatz von atypischen Antipsychotika (Olanzapin)

Atypische Antipsychotika der zweiten Generation, insbesondere Olanzapin, können im Einzelfall im Rahmen eines Off-Label-Use eingesetzt werden, sind jedoch ausdrücklich nicht zur primären Erreichung einer Gewichtszunahme geeignet. Ein niedrig dosierter Einsatz kann unter engmaschiger Indikationsstellung in Erwägung gezogen werden bei:

  • ausgeprägten, quälenden Gewichtsängsten und zwanghaftem Gedankenkreisen um die Themen Essen und Kalorien, die einer psychotherapeutischen Intervention im Wege stehen.
  • einer extremen, starvationsbedingten psychomotorischen Unruhe und einem nicht anders begrenzbaren exzessiven Bewegungsdrang (Hyperaktivität)21.

Einsatz von Antidepressiva (SSRI)

Die Verschreibung von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) wie Fluoxetin ist im Zustand des akuten Untergewichts zur Gewichtszunahme oder Stimmungsaufhellung wirkungslos und daher nicht empfohlen. Aufgrund des extremen Nahrungsmangels fehlt es im Gehirn an der essenziellen Aminosäure Tryptophan, wodurch die Serotoninsynthese am synaptischen Spalt nahezu vollständig erliegt, was die pharmakodynamische Wirkung von SSRI blockiert.

Erst nach einer erfolgreichen somatischen Rehabilitation und Gewichtsstabilisierung kann ein Behandlungsversuch mit Fluoxetin (analog zur Bulimia nervosa) im ambulanten Setting erwogen werden, um persistierende komorbide Depressionen, Zwangsstörungen oder Ängste zu behandeln.

Eine medikamentöse Monotherapie der Anorexia nervosa ist grundsätzlich nicht indiziert; jegliche pharmakologische Intervention darf ausschließlich als supportives Element im Rahmen eines integrierten psychosomatischen Gesamtbehandlungskonzepts erfolgen.

Medizinischer Hinweis

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Diagnose oder Behandlung durch qualifizierte Fachpersonen.

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