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Therapieansatz

Rational-Emotive Verhaltenstherapie (REVT)

Die Rational-Emotive Verhaltenstherapie (REVT) ist ein verhaltenstherapeutischer Ansatz, der sich mit dem Zusammenhang zwischen Gedanken, Emotionen und Verhalten beschäftigt. Die REVT wurde Mitte der 1950er Jahre von dem amerikanischen Psychologen Albert Ellis entwickelt und zählt zu den ersten kognitiven Therapieverfahren.

Rational-Emotive Verhaltenstherapie (REVT)

Definition: Was ist REVT?

Im Mittelpunkt der REVT steht die Annahme, dass nicht Ereignisse selbst, sondern vor allem eigene Bewertungen dafür verantwortlich sind, wie sich jemand fühlt und verhält. Dabei geht die REVT davon aus, dass irrationale Bewertungen maßgeblich an der Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen beteiligt sind. Ziel ist es daher, solche Bewertungen zu erkennen, kritisch zu hinterfragen und durch hilfreichere Bewertungen zu ersetzen. 

Eine entscheidende Rolle wird dabei vier Bewertungsmustern zugesprochen, die als besonders schädigend betrachtet werden:

  1. Absolute Forderungen: Wünsche und Erwartungen werden zu absoluten Forderungen erhoben, etwa „Ich muss erfolgreich sein“, „Andere müssen mich fair behandeln“ oder „Das darf nicht passieren.“
  2. Katastrophisieren: Eine negative Situation wird als furchtbar, schrecklich oder katastrophal bewertet.
  3. Niedrige Frustrationstoleranz: Die Überzeugung, dass man schwierige oder unangenehme Situationen nicht aushalten kann.
  4. Pauschale Abwertung: Sich selbst, andere Menschen oder das Leben aufgrund einzelner Eigenschaften oder Ereignisse insgesamt abzuwerten.

Diese Gedankenmuster haben gemeinsam, dass sie nicht logisch, nicht empirisch begründbar und nicht hilfreich sind. Somit sind sie aus Sicht der REVT irrational. Das Erkennen solcher irrationaler Bewertungen bildet die Grundlage dafür, neue Bewertungen zu entwickeln, die logisch, empirisch begründbar, hilfreich und damit rational sind.

Wissenschaftlicher Hintergrund: So entstand die Rational-Emotive Verhaltenstherapie

Die Rational-Emotive Verhaltenstherapie geht auf den amerikanischen Psychologen Albert Ellis zurück. Ellis arbeitete zunächst als Psychoanalytiker, begann jedoch zunehmend an der Wirksamkeit der Psychoanalyse zu zweifeln. Er kritisierte insbesondere, dass die Psychoanalyse seiner Meinung nach nicht die gewünschten Veränderungen bei seinen Patienten bewirken konnte. 

„Während ich noch als Psychoanalytiker tätig war, schrieb ich mehrere Artikel, in denen ich die Psychoanalyse kritisierte, doch die Psychoanalytiker hörten nicht auf meine Einwände. Daher gab ich die Psychoanalyse schließlich auf, nachdem ich sie sechs Jahre lang praktiziert hatte.“

— Albert Ellis, Interview mit Psychology Today, 2001

In der Folge beschäftigte sich Ellis intensiv mit Philosophie. Besonders prägend war für ihn die Philosophie des griechischen Stoikers Epiktet und dessen berühmter Gedanke, dass nicht die Dinge selbst, sondern unsere Vorstellungen über die Dinge unser Erleben bestimmen. Diese Idee wurde zu einer wichtigen Grundlage der späteren REVT. Im Jahr 1956 stellte Ellis seine sogenannte Rational Therapy (RT) erstmals öffentlich vor. In den folgenden Jahren entwickelte er den Ansatz weiter, zunächst zur Rational-Emotive Therapy (RET) und später zur Rational-Emotive Behavior Therapy (REBT), auf Deutsch Rational-Emotive Verhaltenstherapie (REVT).

Ellis arbeitete bis zu seinem Tod im Jahr 2007 kontinuierlich an der Weiterentwicklung seines Therapieansatzes. Die Wirksamkeit der REVT wurde im Laufe der Zeit in zahlreichen wissenschaftlichen Studien untersucht. Ellis' Arbeit trug wesentlich zur Entwicklung der kognitiven Verhaltenstherapie bei und gilt als wichtiger Beitrag zur sogenannten kognitiven Wende.

In Deutschland wurde die REVT ab den 1980er Jahren zunehmend bekannt. Sie wird heute als therapeutische Methode innerhalb der Verhaltenstherapie eingesetzt und zählt somit zu den Richtlinienverfahren.

Methoden der REVT

Die REVT arbeitet mit verschiedenen Methoden, um irrationale Bewertungen zu erkennen, zu hinterfragen und zu verändern. Eine wichtige Grundlage bilden das ABC-Modell sowie eine Reihe von kognitiven Techniken.

ABC-Modell

Das ABC-Modell ist ein zentrales Konzept der REVT. Es beschreibt das Zusammenspiel zwischen einem belastenden Ereignis (A), den eigenen Bewertungen (B) dieses Ereignisses und den daraus entstehenden Konsequenzen (C) auf der Gefühls- und Verhaltensebene.

Entscheidend ist dabei die Annahme, dass nicht die Situation (A) dafür verantwortlich ist, wie wir uns fühlen, sondern vor allem die Bewertungen (B). So kann beispielsweise ein bevorstehender Vortrag an sich nicht dafür verantwortlich sein, dass jemand Angst empfindet. Entscheidend ist vielmehr die dahinterliegende Bewertung, z. B. „Ich muss das auf jeden Fall schaffen, sonst wäre das eine absolute Katastrophe”.

Komponente

Bezeichnung

Beschreibung

A

Activating event (unerwünschtes Ereignis)

Ein Ereignis oder eine Situation, die als belastend erlebt wird, z. B. eine anstehende Prüfung. 

B

Belief (Bewertung)

Die Gedanken und Bewertungen, mit denen die Person das Ereignis einordnet, z. B. „Ich darf keine Fehler machen“.

C

Consequences (Konsequenzen)

Die emotionalen und verhaltensbezogenen Folgen der Bewertung, z. B. Angst und Vermeidung. 

Kognitive Techniken

REVT-Therapeuten können eine Vielzahl kognitiver Techniken einsetzen. Dabei werden die nachfolgenden Methoden in der Praxis besonders häufig genutzt:

  1. Sokratischer Dialog: Durch gezielte Fragen wird der Patient dabei unterstützt, sich eingehend mit seinen eigenen Sichtweisen auseinanderzusetzen und diese zu erforschen und zu begründen. Dabei können sowohl Widersprüche als auch andere Erkenntnisse zum Vorschein kommen, die dem Patienten zuvor nicht bewusst waren.
  2. Disputation: Bei der Disputation werden Überzeugungen kritisch auf ihre Rationalität überprüft. Insbesondere wird dabei untersucht, ob eigene Bewertungen logisch, empirisch begründbar und im Sinne der eigenen Ziele hilfreich sind.
  3. Perspektivenwechsel: Eine belastende Situation wird aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, etwa was man über eine andere Person denken würde, wenn sie in dieser Situation wäre.
  4. Rational-Emotive Imagination: Belastende Situationen werden in der Vorstellung bewusst durchgespielt. Dabei wird zunächst die typische emotionale Reaktion aktiviert und anschließend die zugrunde liegende irrationale Bewertung verändert. So kann unmittelbar erfahren werden, wie sich eine veränderte Bewertung auf das emotionale Erleben auswirkt.

Ablauf & Setting: Wie läuft die REVT ab?

Die REVT folgt einem relativ strukturierten Prozess, wobei sich Anzahl und Frequenz der Sitzungen nach verschiedenen Faktoren richten, insbesondere nach dem zu behandelnden Störungsbild und den individuellen Bedürfnissen des Patienten. 

Ablauf im Detail

Der Ablauf der REVT kann in fünf Abschnitte untergliedert werden:

  1. Exploration (Situation, Ziele, Konsequenzen, Bewertungen): Zunächst geht es darum, die aktuelle Situation zu erfassen. Dabei werden unter anderem relevante Situationen, die damit verbundenen emotionalen und verhaltensbezogenen Konsequenzen sowie die zugrunde liegenden Bewertungen herausgearbeitet. Gleichzeitig werden die individuellen Ziele der Therapie geklärt.
  2. Vermittlung des kognitiven Modells zur Gefühlsentstehung: Anhand des ABC-Modells wird verdeutlicht, welche Rolle eigene Bewertungen für das emotionale Erleben und Verhalten spielen und wie eine Veränderung dieser Bewertungen zu anderen emotionalen und verhaltensbezogenen Konsequenzen beitragen kann.
  3. Identifikation und Infragestellen nicht-hilfreicher Bewertungen: Gemeinsam werden irrationale Bewertungen identifiziert und hinsichtlich ihrer logischen und empirischen Begründbarkeit sowie ihrer Nützlichkeit überprüft.
  4. Aufbau hilfreicher Bewertungen: Die relevanten irrationalen Überzeugungen werden durch rationale Bewertungen ersetzt, die besser mit der Realität und den eigenen Zielen vereinbar sind.
  5. Einüben und Anwenden der neuen Konzepte: Die neuen Bewertungen werden anhand konkreter Situationen eingeübt und zunehmend auf den Alltag übertragen. Übungen, Rollenspiele oder die Vor- und Nachbereitung belastender Situationen können dabei helfen, die neuen Überzeugungen zu verfestigen.

Das therapeutische Setting

Die Rational-Emotive Verhaltenstherapie eignet sich sowohl für Einzel- als auch für Paarsitzungen. Der Therapeut nimmt dabei eine vergleichsweise direktive und aktive Rolle ein. Er beschränkt sich nicht darauf, dem Patienten zuzuhören, sondern arbeitet gemeinsam mit ihm gezielt an den zugrunde liegenden Bewertungen und Überzeugungen.

Ein wesentlicher Bestandteil der REVT ist die aktive Zusammenarbeit zwischen Therapeut und Patient. Der Therapeut kann beispielsweise gezielte Fragen stellen, irrationale Bewertungen direkt ansprechen und den Patienten dazu anregen, diese kritisch zu überprüfen. Dabei werden häufig auch Übungen und Aufgaben für die Zeit zwischen den Sitzungen eingesetzt, um die in der Therapie erarbeiteten neuen Bewertungen im Alltag anzuwenden und einzuüben.

Die konkrete Gestaltung der Therapie richtet sich dabei nach den individuellen Bedürfnissen des Patienten, dem jeweiligen Anliegen und dem Verlauf der Behandlung. 

Anwendungsgebiete: Für welche Störungen ist die REVT geeignet?

Bei der REVT handelt es sich um eine wissenschaftlich fundierte Therapiemethode, deren Wirksamkeit in zahlreichen Studien untersucht wurde. Die REVT kann unter anderem bei folgenden Störungsbildern eingesetzt werden:

  • Angststörungen
  • Depressionen 
  • Anpassungsstörungen
  • Essstörungen
  • Zwangsstörungen
  • Somatoforme Störungen

Darüber hinaus kann die REVT auch bei verschiedenen psychischen Herausforderungen eingesetzt werden, bei denen starre oder irrationale Überzeugungen eine Rolle spielen. Dazu gehören beispielsweise:

  • Geringer Selbstwert und Selbstzweifel
  • Perfektionismus und überhöhte Ansprüche an sich selbst
  • Angst vor Ablehnung
  • Versagensängste
  • Schwierigkeiten im Umgang mit Ärger und Wut
  • Sinnkrisen und belastende Lebenssituationen

Autor: Ruven Hanohov

Medizinischer Hinweis

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Diagnose oder Behandlung durch qualifizierte Fachpersonen.

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