Werden Angststörungen vererbt? Wie schütze ich mein Kind?
Angststörungen liegen teilweise in der Familie, doch Gene entscheiden nicht allein. Was die Forschung zur Vererbung sagt und wie du dein Kind im Umgang mit Angst stärken kannst.

Kurz zusammengefasst
Erbfaktoren tragen zu Angststörungen bei, Zwillingsstudien schätzen ihren Anteil auf 30 bis 60 Prozent. Kinder von Eltern mit Angststörung haben ein erhöhtes Risiko, erkranken aber nicht zwangsläufig. Du kannst dein Kind stärken, indem du seine Ängste ernst nimmst, es ermutigst, sich ihnen zu stellen, statt sie zu vermeiden, und bei anhaltenden Ängsten fachliche Hilfe suchst.
Teilweise. Erbfaktoren tragen zu Angststörungen bei, aber sie entscheiden nicht allein. Die S3-Patientenleitlinie Angststörungen fasst es so zusammen: Es gibt Hinweise, dass Erbfaktoren die Krankheit mitverursachen, daneben spielen Erfahrungen in der Kindheit, die Erziehung, belastende Lebensereignisse, biochemische Veränderungen im Gehirn und bestimmte Denkmuster eine Rolle (S3-Patientenleitlinie Angststörungen, S. 6). Hast du selbst eine Angststörung, ist das Risiko für dein Kind erhöht. Eine Angststörung ist für dein Kind damit aber nicht vorgezeichnet, und du kannst einiges tun, um es zu stärken.
Was die Forschung zur Vererbung sagt
gesundheitsinformation.de (IQWiG) schreibt, dass es Hinweise gibt, dass in manchen Familien häufiger Angststörungen vorkommen (gesundheitsinformation.de: Generalisierte Angststörung).
Familien- und Zwillingsstudien
Eine viel zitierte Metaanalyse von Hettema, Neale und Kendler (2001) hat Familien- und Zwillingsstudien zu Panikstörung, generalisierter Angststörung, Phobien und Zwangsstörung ausgewertet. Ergebnis: Alle diese Störungen treten in Familien gehäuft auf. Für Verwandte ersten Grades von Betroffenen lag das Chancenverhältnis (Odds Ratio), selbst erkrankt zu sein, je nach Störung zwischen 4 und 6. Aus Zwillingsstudien schätzten die Autoren die Erblichkeit (Heritabilität) auf 0,43 bei der Panikstörung und 0,32 bei der generalisierten Angststörung (Hettema et al. 2001, Am J Psychiatry).
Das heißt auch: Ein großer Teil der Unterschiede geht nicht auf Gene zurück. Bei der Panikstörung führen die Autoren den Rest vor allem auf Umwelterfahrungen zurück, die nicht alle Familienmitglieder teilen. Sie betonen, wie wichtig es ist, solche Umwelt-Risikofaktoren zu erkennen (Hettema et al. 2001). Eine spätere Genstudie nennt für Angststörungen insgesamt eine Erblichkeit aus Zwillingsstudien von 30 bis 60 Prozent (Purves et al. 2020, Mol Psychiatry).
Gibt es ein „Angst-Gen“?
Eine große Genstudie mit über 25.000 Menschen mit einer Angststörung fand fünf neue Genorte, die mit Angst zusammenhängen. Die Forschenden folgern, dass häufige genetische Varianten einen wesentlichen Teil der erblichen Anlage für Angst ausmachen (Purves et al. 2020). Es geht also um viele genetische Varianten, nicht um ein einzelnes Gen, das eine Angststörung auslöst.
Kinder von Eltern mit Angststörung
Eine Metaanalyse aus 25 Studien mit 7.285 Kindern zeigt: Hatten Eltern eine Angststörung, hatten ihre Kinder ein deutlich höheres Risiko für eine Angststörung als Kinder von Eltern ohne Angststörung, und zwar etwa das 1,76-Fache. Eine Panikstörung oder generalisierte Angststörung der Eltern schien ein besonderes Risiko mitzubringen. Es gab aber keinen Hinweis, dass Kinder genau dieselbe Angststörung bekommen wie ihre Eltern (Lawrence et al. 2019, J Am Acad Child Adolesc Psychiatry).
Gene sind nicht alles: Umwelt, Erziehung und Vorbild
Die S3-Patientenleitlinie nennt neben erblichen Faktoren auch belastende Lebensereignisse, ungünstige Erziehungsstile und soziale Belastungen als mögliche Ursachen. Sie betont außerdem: Niemand sucht es sich aus, an einer Angststörung zu leiden (S3-Patientenleitlinie Angststörungen, S. 8).
Wie groß ist der Einfluss der Erziehung? Eine Metaanalyse aus 47 Studien fand, dass das Erziehungsverhalten nur rund 4 Prozent der Unterschiede in der Ängstlichkeit von Kindern erklärte. Elterliche Kontrolle hing dabei stärker mit kindlicher Angst zusammen als Ablehnung. Unter den einzelnen Aspekten erklärte das Zugestehen von Selbstständigkeit 18 Prozent der Unterschiede, elterliche Wärme weniger als 1 Prozent (McLeod et al. 2007, Clin Psychol Rev). Die Autoren schließen daraus, dass der größte Teil kindlicher Angst durch andere Faktoren als die Erziehung zu erklären ist. Erziehung ist also ein Faktor unter vielen, nicht die Hauptursache.
Trotzdem lernen Kinder auch durch Beobachten. Kinder finden ihren Weg unter anderem durch Nachahmen und Ausprobieren und durch die Unterstützung von Vater, Mutter und anderen Bezugspersonen (kindergesundheit-info.de: Psychische Probleme bei Kindern). In einer US-Studie mit 136 Familien, in denen ein Elternteil eine Angststörung hatte, wurde ein kurzes familienbasiertes Präventionsprogramm getestet. Als Wirkfaktoren erwiesen sich unter anderem die Belastung der Eltern und das Vorleben von Angst, also das, was Kinder bei ihren Eltern abschauen. Innerhalb eines Jahres entwickelten in der Vergleichsgruppe 31 Prozent der Kinder eine Angststörung, in der Programmgruppe 5 Prozent (Ginsburg et al. 2015, Am J Psychiatry). Die Autoren werten das als vielversprechend; es handelt sich allerdings um eine einzelne Studie.
Wie schütze ich mein Kind?
Zuerst eine Entlastung: Viele Ängste gehören zur normalen Entwicklung. Kleinkinder fürchten sich oft vor Tieren, Dunkelheit oder dem Alleinsein, Vier- bis Sechsjährige vor Monstern, Geistern oder Gewitter. Die meisten dieser Ängste verlieren sich mit der Zeit weitgehend (kindergesundheit-info.de: Kindliche Ängste).
Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit empfiehlt Eltern auf kindergesundheit-info.de (So helfen Sie Ihrem Kind, mit Angst fertig zu werden):
- Ernst nehmen: Nimm die Ängste deines Kindes ernst und sprich mit ihm darüber.
- Verständnis zeigen: Vermeide Sätze wie „Du brauchst doch keine Angst zu haben.“
- Gemeinsam Lösungen suchen: Überlegt zusammen, wie dein Kind gegen starke Ängste angehen kann.
- Nicht vermeiden: Ermutige dein Kind, sich mit seiner Angst auseinanderzusetzen, statt ihr auszuweichen.
- Sicherheit geben: Dein Kind soll wissen, dass es notfalls immer auf deine Nähe und Hilfe zurückgreifen kann.
- Gelassen bleiben: Lass dich von der Angst deines Kindes nicht anstecken.
Auf die eigene Angst achten
Wenn du selbst mit einer Angststörung lebst, lohnt es sich, auch auf dich zu schauen. Die S3-Patientenleitlinie beschreibt, dass es erfolgversprechende Therapieangebote gibt, viele Betroffene aber nicht fachgerecht behandelt werden (S3-Patientenleitlinie Angststörungen, S. 8). Einen ersten Eindruck kann dir unser Selbsttest zu Angst, Zwang und Depression geben. Mehr zu einzelnen Formen findest du unter Generalisierte Angststörung und Panikstörung.
Wann dein Kind Hilfe braucht
Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen (kindergesundheit-info.de: Psychische Probleme bei Kindern). Wenn du den Eindruck hast, dass ängstliche Situationen im Leben deines Kindes überhandnehmen, es oft weint, sich zurückzieht, schweigt, schlecht schläft, zittert oder Kopfschmerzen hat, solltest du mit einer ärztlichen Praxis Kontakt aufnehmen (kindergesundheit-info.de: Kindliche Ängste).
Der Kinderarzt oder die Kinderärztin kann dir bei Bedarf Fachleute der Kinder- und Jugendpsychotherapie, Fachärzt:innen und Beratungsstellen nennen (kindergesundheit-info.de: Psychische Probleme bei Kindern). Ambulante Psychotherapie können auch Kinder und Jugendliche nutzen. Werden Bezugspersonen einbezogen, gibt es zusätzliche Stunden. Eine Überweisung ist nicht nötig, und bei der Terminsuche hilft der Terminservice unter 116117 (116117: Psychotherapie).
Hilfe finden
Für dein Kind ist die Kinderarztpraxis der erste Weg. Wenn du selbst Unterstützung bei Ängsten suchst, musst du den Weg nicht allein herausfinden: Bei Hilfe finden beantwortest du ein paar Fragen und siehst, welche Wege für dich infrage kommen. Wie ein Erstgespräch abläuft, liest du in unserem Artikel Psychotherapie: Was dich in der ersten Sitzung erwartet.
Quellen und weiterführende Literatur
- S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen, Patientenversion (2022), S. 6–8 „Wie bekommt man eine Angststörung?“ und „Ursachen von Angststörungen“
- Hettema JM, Neale MC, Kendler KS (2001): A review and meta-analysis of the genetic epidemiology of anxiety disorders. Am J Psychiatry 158(10):1568–78 (Abstract)
- Purves KL et al. (2020): A major role for common genetic variation in anxiety disorders. Mol Psychiatry 25(12):3292–3303 (Abstract)
- Lawrence PJ, Murayama K, Creswell C (2019): Systematic Review and Meta-Analysis: Anxiety and Depressive Disorders in Offspring of Parents With Anxiety Disorders. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 58(1):46–60 (Abstract)
- McLeod BD, Wood JJ, Weisz JR (2007): Examining the association between parenting and childhood anxiety: a meta-analysis. Clin Psychol Rev 27(2):155–72 (Abstract)
- Ginsburg GS et al. (2015): Preventing Onset of Anxiety Disorders in Offspring of Anxious Parents: A Randomized Controlled Trial of a Family-Based Intervention. Am J Psychiatry 172(12):1207–14 (Abstract)
- gesundheitsinformation.de (IQWiG): Generalisierte Angststörung, Abschnitt Ursachen
- kindergesundheit-info.de (BIÖG): Kindliche Ängste
- kindergesundheit-info.de (BIÖG): So helfen Sie Ihrem Kind, mit Angst fertig zu werden
- kindergesundheit-info.de (BIÖG): Psychische Probleme und Verhaltensprobleme bei Kindern
- 116117: Ambulante Psychotherapie
FAQ
Häufige Fragen zum Thema
Wenn ich eine Angststörung habe, bekommt mein Kind dann auch eine?
Nicht zwangsläufig. Das Risiko ist erhöht: In einer Metaanalyse hatten Kinder von Eltern mit Angststörung etwa ein 1,76-fach höheres Risiko für eine Angststörung. Dass sie genau dieselbe Störung bekommen wie ihre Eltern, ließ sich nicht belegen (Lawrence et al. 2019).
Gibt es ein Gen für Angststörungen?
Eine große Genstudie fand mehrere Genorte und folgert, dass viele häufige genetische Varianten einen wesentlichen Teil der erblichen Anlage ausmachen (Purves et al. 2020). Laut S3-Patientenleitlinie gibt es Hinweise, dass Erbfaktoren die Krankheit mitverursachen, neben vielen anderen Faktoren (S3-Patientenleitlinie Angststörungen).
Bin ich durch meine Erziehung schuld an der Angst meines Kindes?
Die Erziehung ist nur ein Faktor unter vielen. Laut S3-Patientenleitlinie sind die Ursachen von Angststörungen vielschichtig (S3-Patientenleitlinie Angststörungen). In einer Metaanalyse erklärte das Erziehungsverhalten nur rund 4 Prozent der Unterschiede in kindlicher Angst (McLeod et al. 2007).
Wo bekommt mein Kind Hilfe bei Ängsten?
Erste Anlaufstelle ist die Kinderarztpraxis, die dir Fachleute der Kinder- und Jugendpsychotherapie nennen kann (kindergesundheit-info.de). Für ambulante Psychotherapie braucht es keine Überweisung, Termine vermittelt auch die 116117 (116117: Psychotherapie).
So entsteht dieser Artikel
Dieser Artikel wurde von der mentcape-Redaktion mit Unterstützung von KI-Werkzeugen recherchiert und geschrieben. Wir prüfen ihn mindestens einmal im Jahr und bei Gesetzesänderungen erneut.
Medizinischer Hinweis
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